Forschungsprofil
Als Historiker und Kulturwissenschaftler verorte ich meine Forschung an den Schnittstellen von historischer Antisemitismus- und Geschlechterforschung, Kultur- und Ideengeschichte sowie Sozialphilosophie. Ein besonderes Interesse gilt dabei nicht nur der geschichtswissenschaftlichen Forschung und ihren Methoden, sondern auch Kritischen Theorien – von der »Frankfurter Schule« in ihren vielfältigen Facetten bis hin zu poststrukturalistischen und feministischen Theoriebildungen von Joan Wallach Scott, Iris Marion Young oder Donna Haraway.
Im Zentrum meiner Arbeit steht die historische Diskursanalyse von Wissens- und Konfliktfeldern und der Theoriebildung feministischer Bewegungen sowie methodologische, theoretisierende Überlegungen, beispielsweise zur Strukturkategorie Geschlecht in der Antisemitismusforschung. Ich bewege mich dabei bewusst im Spannungsfeld von kulturhistorischer Forschung und gesellschaftstheoretischer Reflexion. Mich interessiert, wie spezifische historische Wissensräume entstehen und herausgefordert werden, unter welchen Bedingungen theoretische Konzepte wirksam werden und welche Artikulations- und Sagbarkeitsfelder in diesen Konflikträumen eröffnet oder verschlossen werden. Nicht zuletzt interessiere ich mich für die verflechtungs- und emotionshistorischen Aspekte dieser Aushandlungsprozesse.
Aktuelles Projekt
Mein Dissertationsprojekt „Antisemitismus(-kritik) in feministischen Bewegungen in den USA und der Bundesrepublik seit 1970“ verschränkt Methoden der historischen Diskursanalyse mit akteurszentrierten Ansätzen und einer transnationalen Verflechtungsgeschichte.
Die Studie über Antisemitismus in (west-)deutschen und US-amerikanischen feministischen Bewegungen (1970–2001) fokussiert auf ein bisher nur in Ansätzen aufgearbeitetes Phänomen und wählt dabei eine transnationale, kultur- und geschlechterhistorische Perspektive. Mittels der historischen Diskursanalyse von Zeitschriften, Sammelbänden, Tagungsberichten und grauer Literatur aus der deutschen und US-amerikanischen Frauen- und Lesbenbewegung wird untersucht, wie antisemitische Ressentiments in verschiedenen Kontexten artikuliert, gerechtfertigt oder kritisiert und zurückgewiesen wurden, wie Antisemitismus jeweils konzeptualisiert und verstanden wurde und welche Bedeutung diesbezüglich anderen Strukturkategorien wie Gender, Race und Class zukam. Ferner wird die struktur- und diskursanalytische Dimension, in der spezifische Wissensräume und Konfliktfelder rekonstruiert werden, durch einen akteurszentrierten Ansatz ergänzt, in dem das Wirken antisemitismuskritischer, oftmals jüdischer Akteur:innen(-gruppen) innerhalb feministischer Bewegungskontexte rekonstruiert wird.
Erkenntnisinteresse und Relevanz
Die Studie reagiert damit auf ein doppeltes Forschungsdesiderat: Während die historische Antisemitismusforschung geschlechtsspezifischen Perspektiven lange Zeit nur vereinzelt Beachtung schenkte, blieb Antisemitismus in der geschichtswissenschaftlichen Darstellung feministischer Bewegungen als relevantes Konfliktfeld oftmals unterbeleuchtet.
Die Arbeit versteht die Aushandlungen um Antisemitismus in progressiven, feministischen Milieus ausdrücklich nicht bloß als teleologische Fortschrittsgeschichte kollektiver Lernprozesse, sondern arbeitet die tiefgreifenden Ambivalenzen und Brüche dieser historischen Entwicklungen heraus.
Dabei wird die Untersuchung struktureller Dimensionen antisemitismusbezogener Diskursstränge systematisch mit einer akteurszentrierten Perspektive verschränkt. So rückt die Studie jene identitätspolitischen und standpunkttheoretisch fundierten Interventionen marginalisierter Feminist:innen und ihre Agency in den Mittelpunkt. Bereits seit den 1970er Jahren brachten jüdische, lesbische, Schwarze und andere marginalisierte Akteur:innen ihre spezifischen Erfahrungen in feministische Auseinandersetzungen ein und stellten das Konzept einer „universal sisterhood“ zunehmend infrage. Es zeigt sich, dass gerade ihre Problematisierungsweisen maßgeblich zur Pluralisierung feministischer Selbstverständnisse beitrugen und Leerstellen feministischer Theoriebildungen adressierten.
Akademischer Kontext
Ein zentraler Arbeitszusammenhang für die empirische und konzeptionelle Fundierung dieses transnationalen Projekts war der Forschungsaufenthalt als Fellow am Department of History der Harvard University im Frühjahr 2022. Dieser ermöglichte die systematische Erschließung von Archivalien aus dem US-amerikanischen Untersuchungskontext und die Diskussion der verflechtungsgeschichtlichen Aspekte meiner Forschung und ihrer vorläufigen Ergebnisse in einem sehr bereichernden, internationalen Kontext.
Ausgewählte Publikationen
- Christian Kleindienst, „Antisemitismus und Geschlecht – Zur Integration und Kritik antisemitischer Ressentiments in der (West-)deutschen und US-amerikanischen Frauenbewegung (1970–2001)“, in: Antisemitismus zwischen Kontinuität und Adaptivität, Göttingen 2022, 121–136.
- Christian Kleindienst, „Feministischer Antijudaismus? (Selbst-)kritische Auseinandersetzungen in feministischen Bewegungskontexten der Bundesrepublik und der USA seit 1978“, in: Themenportal Europäische Geschichte 2026, https://www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-146379.
Detaillierte Angaben zu akademischem Werdegang, Forschungsschwerpunkten, Lehre, Stipendien und Mitgliedschaften finden sich auf der Seite CV.